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Bolligen - Der Manneberg, von Burglind frisiert

Quelle
Der Bund

Hat ein Durchzugseffekt dem Wald am Manneberg ob Bolligen den Rest gegeben? Es scheint komplizierter. Der Wald war kurz zuvor gepflegt worden und daher nicht in Bestform. Dazu kam ein weiterer Negativfaktor.

Oberhalb von Bolligen hat der Sturm Burglind die Bäume gleich reihenweise und alle in östlicher Richtung umgeworfen. (Foto: Adrian Moser)

Stürme sind unberechenbar. Burglind war deutlich schwächer als Lothar und hat entsprechend weniger Schäden verursacht. Trotzdem gibt es Orte, wo auch Burglind verheerend wirkte. Oberhalb von Bolligen zum Beispiel, am Manneberg. Dort sind die Bäume gleich reihenweise niedergestreckt worden.

Steht der Schaden womöglich in einem Zusammenhang mit dem Einschnitt dort? Die Strasse heisst nicht umsonst Schlupfstrasse. Der Sturmwind könnte in der Verengung zusätzlich beschleunigt worden sein. Dieses Prinzip ist bekannt als Venturi-Effekt und findet etwa in Vergasern Anwendung. Stefan Flückiger, Forstmeister der Burgergemeinde Bern, winkt ab. Dieser Effekt könne je nach Topografie tatsächlich eine Rolle spielen. Beim Manneberg liege die Ursache aber vielmehr in der Durchforstung, die dort in den letzten Monaten vorgenommen worden sei. Werden an einem Waldrand und im Innern eines Waldes Bäume gefällt, werde das Waldstück für eine gewisse Zeit destabilisiert.

Bäume, die zuvor im Windschatten anderer Bäume gestanden sind, müssen nun selber für Standfestigkeit sorgen. Sie tun dies, indem sie auf jener Seite des Stammes, die der Hauptwindrichtung zugewandt ist, Zellen aufbauen, die gut darin sind, Zug auszuhalten. Auf der windabgewandten Seite entstehen dagegen vermehrt Zellen, die besser in der Lage sind, Druck aufzunehmen. Dadurch lässt sich ein Baum weniger biegen. Bis dieser Prozess abgeschlossen ist, dauert es laut Stefan Flückiger bis zu vier Jahre. In dieser Zeit ist ein Wald anfälliger für Sturmschäden.

Nach den forstwirtschaftlichen Eingriffen im Mannebergwald sei es deshalb keine Überraschung gewesen, dass Burglind dort diese Schäden habe anrichten können, sagt der Forstmeister. Dieses Risiko gehe man immer ein. Man müsse es eingehen. Denn würde ein Wald überhaupt nicht gepflegt, wäre er auf lange Sicht noch weniger sturmresistent. Und er könnte die Bedürfnisse der Gesellschaft nicht mehr erfüllen.

Windeffekte sind laut Flückiger unberechenbar. Und oft sei es so, dass die Schäden nicht am Waldrand, sondern irgendwo im Innern eines Waldes entstünden. Der Grund dafür seien Böen, die etwa an einem Waldrand nach oben gelenkt werden und irgendwo, vielleicht erst nach mehreren Hundert Metern, wieder auf Boden treffen – und Schaden anrichten.

Lothar mit zehnfachem Schaden

Die kleinere Wucht von Burglind zeigt sich auch an der Schadensbilanz, die der Kanton Bern gestern veröffentlicht hat (siehe Frontseite). Rund 400 000 Kubikmeter Holz sind vom Sturm vor einer Woche umgeworfen worden. Das entspricht rund 100 000 Bäumen. Bei Lothar am 26. Dezember 1999 waren es fast elf Mal mehr. Allein im Emmental lag die Schadensbilanz damals bei über einer Million Kubikmetern Holz. Der gesamte Wald im Kanton wird auf circa 69 Millionen Kubikmeter Holz geschätzt.

Lothar war deutlich stärker gewesen als Burglind. Laut einem Bericht von Meteo Schweiz hatte Lothar an 57 Messstationen Windspitzen von über 125 Kilometern pro Stunde geliefert, während Burglind dies bloss an 30 Stationen schaffte. Lothar verursachte viele Flächenschäden, Burglind vorwiegend Streuschäden, wie es in der Mitteilung des Kantons von gestern heisst. Von Streuschäden spricht man, wenn in einem Wald nur vereinzelt oder in kleinem Ausmass Bäume umfallen.

Nasser Boden: Pech für die Bäume

Ob Bäume fallen oder stehen bleiben, ist aber nicht allein von der Windgeschwindigkeit abhängig. Ist ein Baum mit Schnee beladen, bietet er dem Wind eine grössere Angriffsfläche – und stürzt eher. Ein wichtiger Faktor ist die Bodenbeschaffenheit. Ist der Untergrund gefroren oder trocken, kann sich der Baum mit seinen Wurzeln besser im Erdreich festhalten – und bleibt länger stehen. Ist der Boden aber durchnässt und weich, wie das bei Burglind der Fall war, sind die Bäume viel weniger standfest. Typisch ist dann, dass sie entwurzelt werden, wie Gerold Knauer, Leiter der Waldabteilung Voralpen, erklärt. Beim Sturm Burglind seien denn auch überdurchschnittlich viele Bäume auf diese Weise umgeworfen worden; das heisst, als sie fielen, rissen sie ihre Wurzeln aus dem Boden.

Weil die Bäume im gefrorenen oder trockenen Boden besser verankert seien, hätte Burglind bei solchen Bedingungen laut Knauer weniger Schäden verursacht. Die Differenz lasse sich aber nicht beziffern. Bei solchen Bodenverhältnissen sehen auch die Schadenbilder anders aus: Gebrochene oder geknickte Stämme sind dann die Regel.


Autor
Dölf Barben, Der Bund
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Erstellt: 10.01.2018
Geändert: 15.01.2018
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