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Matthias Zurbrügg aus Utzigen: "Mit dem Ungewissen spielen"

Der Utziger Künstler Matthias Zurbrügg installiert in seinem Projekt "ZEIT LOS LASSEN" poetische Wörter aus Holz auf dem Schosshaldenfriedhof Bern. Im Interview spricht er über seine Faszination, aber auch über das finanzielle Risiko des Projekts.

Der Friedhof als Kunstort: Installation von Matthias Zurbrügg. (Bild: zvg)

Herr Zurbrügg, für Ihr Projekt "ZEIT LOS LASSEN" installieren Sie poetische Wörter und Sätze auf dem Schosshaldenfriedhof Bern. Was ist bei solchen Projekten zuerst: Wort oder Ort?

Matthias Zurbrügg: Der Ort. Wenn ich mich festgelegt habe, nehme ich meinen Fotoapparat und mache mich auf die Suche nach schönen Plätzen, die mich ansprechen, wie hier die Allee oder der grosse Stein. Oft entstehen gleichzeitig im Kopf schon Wörter und die Anordnung im Gelände. Aber beim ersten Mal sieht man nie alles. Ich komme deshalb immer wieder auf den Friedhof zurück, mache Spaziergänge, suche neue Sujets.

 

Wie sind Sie gerade auf den Friedhof und die Endlichkeitsthematik gekommen?

Die Gedanken, die auf einem Friedhof ausgelöst werden, Gedanken rund um das Sterben, beschäftigen immer wieder. Da kommt man nicht drum herum. Aus künstlerischer Sicht sind diese Gedanken sehr spannend, denn es geht um Grenzen, bei denen man nicht weiss, was dahinter ist. Oft sind diese Grenzen rund um den Tod in der Gesellschaft auch ein Tabu. Ich finde es spannend, mich damit auseinanderzusetzen, nach Antworten zu suchen. Mit dem Ungewissen spielen. Das hat seinen Reiz.

 

Und der Friedhof hat Sie mit Ihrem Konzept mit offenen Armen empfangen?

Es ist ja nicht mein erstes Projekt auf einem Friedhof. Ich habe auch schon auf dem Friedhof Theater gespielt und szenische Führungen gemacht. Mit dem Leiter der Berner Friedhöfe bin ich in gutem Kontakt. Walter Glauser hatte damals mit dem Friedhofspersonal unseren Theaterspaziergang "Der Totengräber" in der Altstadt Bern besucht. Danach sprach ich ihn an, ob er sich einen Theaterspaziergang von mes:arts auf einem der Berner Friedhöfe vorstellen könne. Er war sehr offen. Daraus entstanden dann ein Stück über Heinrich von Kleist auf dem Schosshaldenfriedhof und ein Stück zum 150-Jahr-Jubiläum des Bremgartenfriedhofs. Während der Ausstellung HORIZONTE 2016 im Worblental hatte ich die Idee, auf Friedhöfen Wörter zu inszenieren und ging erneut auf Walter Glauser zu. Für den Friedhof ist das natürlich auch eine Chance.

 

Inwiefern?

Der Friedhof als Ort hat heute ein anderes Image. Er soll auch ein Park sein, ein Ort, wo man innerhalb der Stadt ein bisschen Ruhe geniessen kann. Es ist auf jeden Fall eine Öffnung da. Die Installation soll Menschen anregen und zu einem Spaziergang auf dem Friedhof einladen. Natürlich muss man aber auch aufpassen. Nicht jedes Wort wäre für dieses Projekt geeignet. Ich spreche mich eng mit der Friedhofsleitung ab.

 

Wann bauen Sie die Installation auf?

Ich werde Mitte August mit aufbauen beginnen. Die Installation steht dann von Mitte September bis Ende November.

 

Die Buchstaben bauen Sie selber. Wie weit sind Sie schon?

Ich habe noch gar nicht angefangen. Es war mir wichtig, die literarischen Spaziergänge zu erarbeiten und zu proben, die ich ab September auf dem Schosshaldenfriedhof durchführe und die Teil des Projekts sind. Es war mir wichtig, das Ganze im Auge zu behalten und mich nicht nur auf die Holzbuchstaben zu konzentrieren. Für die Buchstaben habe ich mir den ganzen Juni reserviert. Einen Monat brauche ich schon. Ich werde 172 Buchstaben herstellen, für die ich im Schnitt 1 1/2 Stunden brauche. Ein S oder ein W ist natürlich aufwendiger als ein I.

 

Sie haben die literarischen Spaziergänge angesprochen. Auf Ihrer Website beschreiben Sie diese als "still und tiefgründig". Was soll man sich darunter vorstellen.

Vom "still" bin ich wieder ein bisschen abgekommen. Es wäre eine Möglichkeit gewesen, still im Sinne von schweigend über den Friedhof zu spazieren. Das haben wir auch diskutiert. Ich habe mich letztlich für eine andere Variante entschieden. Auf den Spaziergängen soll es zwar stille Momente geben. Aber auch Lyrik und literarische Texte, die sich auf das Thema beziehen und mit den Installationen korrespondieren. Rilke zum Beispiel. Mit meiner Regisseurin bin ich bereits fleissig am Proben. Die Spaziergänge entwickeln sich. Ich werde auch zwei Vollmondspaziergänge anbieten, mit Fackeln und Kerzenschein.

 

Sie bieten wirklich viele literarische Spaziergänge an.

Das hat auch pragmatische Gründe. Die Spaziergänge sind eine wichtige Möglichkeit, das Projekt zu finanzieren.

 

Auf Ihrer Webseite legen sie den aktuellen Finanzierungstand offen. Aktuell rechnen Sie mit einem Defizit von 44 Prozent.

Ich hoffe natürlich, dass sich das noch ändert (lacht). Mit dieser Grafik möchte ich den Leserinnen und Lesern zeigen, dass sich ein solches Projekt nicht so einfach finanziert, auch wenn ich einige Unterstützungsbeiträge erhalte. Häufig entsteht der Eindruck, wenn ein Projekt durch verschiedene Fonds unterstützt wird, dass die Kosten damit abgedeckt sind. Aber dem ist nicht so, denn der Aufwand ist sehr gross. Die Konzeption, die Herstellung der Buchstaben, Grafik und Druck der Begleitbroschüre, das Proben der literarischen Spaziergänge. Ich habe mir daher überlegt, dass ich die Finanzierung offen legen möchte. Und vielleicht gibt es ja eine Privatperson, der mein Projekt gefällt und die sich dazu entscheidet, mich finanziell zu unterstützen.

 

[i] Weitere Infos zum Projekt auf der Website des Künstlers. Die Vernissage auf dem Schosshaldenfriedhof findet am 21. September, dem Tag des Friedhofs statt. Spaziergänge um 10, 12 und 14 Uhr. Weitere literarische Spaziergänge mit Matthias Zurbrügg finden bis zum 24. November statt. Der Spaziergang kann auch für Privatgruppen gebucht werden.


Autor
Annalisa Hartmann, annalisa.hartmann@bern-ost.ch
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Erstellt: 16.05.2019
Geändert: 16.05.2019
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