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Münsingen - "Bücher kaufen ist ökologisch in Ordnung"

Quelle
Berner Zeitung BZ

 Vera Wenger ist Präsidentin der Grünen Münsingen, Gemeinderätin und Inhaberin einer Buchhandlung. Sie spricht über die Ständeratskandidatin Regula Rytz, Bibliotheken und den ökologischen Umgang mit Büchern.

Vera Wenger in ihrer Buchhandlung Libro. (Foto: Christian Pfander)

 

Was haben Sie als Buchhändlerin gedacht, als Sie kürzlich lasen, dass Ihre Parteikollegin Regula Rytz keine Bücher kauft und sie stattdessen in der Bibliothek ausleiht?

Vera Wenger: Also sie hat ja gesagt, dass sie selten Bücher kaufe. Vielleicht verschenkt sie ab und zu eines oder kauft einen schönen Roman. Aber natürlich hätte ich lieber einen anderen Satz gelesen, schliesslich lebe ich vom Verkauf von Büchern. Schön wäre es gewesen, wenn sie gesagt hätte, dass sie zwar bewusst lebe, aber eine Schwäche für Bücher habe. Aber es ist, wie es ist. Ich werde sie trotzdem wählen.

 

Sie tut das offenbar aus ökologischen Gründen. Für Sie nachvollziehbar?

Schon, solange es nicht sektiererisch ist. Wobei, jeder Mensch soll oder darf eine Leidenschaft haben. Wenn man versucht, ökologisch zu leben, aber gerne Bücher kauft, ist das doch auch in Ordnung. Und im Übrigen ist es auch bei manchen Büchern nachvollziehbar. Vor ein paar Jahrzehnten verkaufte ich vom Ratgeber «Bittere Pillen» Berge von Büchern. So was kann man heute im Internet nachschauen, dafür braucht man kein Buch mehr. Aber Kinderbücher oder schöne Romane, die muss man in der Hand halten.

 

Immerhin soll sie daheim eine grosse Bibliothek haben.

Das glaube ich gerne, sie ist Historikerin.

 

Wenn alle Leserinnen und Leser ihre Bücher nur noch in der Bibliothek ausleihen, wäre das schlecht für Ihr Geschäft.

Das ist so, ich sehe es gerne, wenn Menschen Bücher kaufen. Ich muss aber auch sagen: Die besten Bücher sind jene, die die Runde machen, von vielen Leuten gelesen werden. Abgesehen davon sind Bibliotheken natürlich eine gute Einrichtung, die auch zur Demokratisierung beitragen. Als Kind ging ich immer in die Bibliothek, sonst wäre es budgettechnisch schwierig geworden.

 

Hatten Sie schon mal ein schlechtes Gewissen, weil Sie Bücher verkaufen?

Nein, das hatte ich noch nie. Oder nur dann, wenn ein Buch Mist war. Aber wissen Sie, wann ich das letzte Mal ein schlechtes Gewissen hatte?

 

Wann?

Am Montag, als ich Briefkästen abklapperte und Flyer für Hans Stöckli und Regula Rytz verteilte. Ich habe sie dann auch in die Briefkästen mit dem Aufkleber «Bitte keine Werbung» gelegt.

 

Wie läuft Ihre Buchhandlung?

Wie soll ich sagen? Ich habe gerne Menschen und gerne Bücher. Zum Glück ist es unser eigenes Hüsli, wir wohnen oben, unten ist der Laden. Wenn ich Miete zahlen müsste, wäre es wohl vorbei. Aber ich bin stur, ich bleibe.

 

Wer kauft bei Ihnen ein?

Ich habe ein Feld-Wald-Wiesen-Lädeli, von allem etwas. Meine Kunden sind junge Leute, viele Ältere oder auch solche, die sich über die Gemeinde beklagen.

 

Können Sie Ihre Kundschaft politisch verorten?

Es gibt Leute, die bei mir kaufen, weil ich bei den Grünen bin, und solche, die es trotzdem tun. Die Kundschaft reicht von links bis rechts.

 

Wie gut verkaufen sich all die Klimabücher von Jonathan Safran Foer über Maja Lunde bis zu Greta Thunberg?

Ich verkaufe sie. Aber es gibt viele davon, ich muss schon schauen, dass sie nicht liegen bleiben. Ich merke aber, dass junge Leute gerne solche Sachen kaufen.

 

Neuerdings rühmen sich Verlage mit Büchern, die nicht mehr in Plastik eingeschweisst sind. Bringts das?

Bei Büchern, die ganz schnell laufen und eine hohe Lagerumsatzgeschwindigkeit haben, geht das schon. Bei anderen könnte es schwierig werden. Und es gibt ja auch Leute, die ein Problem haben, wenn ein Buch nicht frisch eingepackt ist. Ich habe Kunden, die es nicht haben können, wenn ihr Buch zuvor schon jemand gelesen hat. Die gehen nicht in die Bibliothek, sondern kommen zu mir.

 

Frau Rytz gehört nicht dazu. Befürchten Sie einen Effekt, sodass nach dem Fliegen und dem Fleischessen nun auch noch das Buch in Verruf gerät?

Nein. Aber wenn er jene Leute befallen würde, die ihre Bücher bei Amazon kaufen, wärs mir gleich.


Autor
Johannes Reichen, Berner Zeitung BZ
Nachricht an die Redaktion
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Erstellt: 09.11.2019
Geändert: 09.11.2019
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