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Münsingen - Um Suizide zu verhindern, fahren Lokführer regelmässig auf Sicht

Quelle
Berner Oberländer

Auf der Höhe des Psychiatriezentrums müssen die Lokführer immer wieder das Tempo drosseln. Durchschnittlich einmal pro Woche sind sie mit ihrem Zug nur auf Sicht unterwegs. Die Passagiere reagieren gelassen. Immerhin geht es um Menschenleben.

Hürde und Sichtschutz zugleich: Lärmschutzwände bei Münsingen. (Foto: Raphael Moser)

In den letzten Wochen passierte es regelmässig auf der Bahnlinie von Bern nach Thun. Spätestens ab dem Bahnhof Rubigen, in Gegenrichtung ab dem Bahnhof Münsingen, fuhr der Zug nur noch im Schneckentempo weiter. «Fahren auf Sicht» heisst das im Fachjargon, und die Lautsprecherdurchsage liess meist nicht lange auf sich warten: Man entschuldige sich für die Umstände, aber es befänden sich halt «Personen in Gleisnähe».

 

Langsames Fahren kann ganz verschiedene Ursachen haben. Es wird von der Betriebszentrale angeordnet, wenn ein Lokführer vom Führerstand aus im unmittelbaren Umfeld des Trassees Tiere oder eben auch Menschen wahrnimmt. Wenn Ähnliches von Passanten beobachtet und der Polizei gemeldet wird. Wenn in diesem Bereich landwirtschaftliche oder auch andere Arbeiten stattfinden. Und schliesslich, wenn psychiatrische Einrichtungen an der Strecke liegen und diese jemanden vermissen und befürchten müssen, dass er oder sie sich etwas antut.

 

Zwischen Rubigen und Münsingen, wo das Psychiatriezentrum Münsingen in Sichtweite liegt, dürfte der standardisierte Satz «Personen in Gleisnähe» oft genau darauf zurückgehen.

 

Stark befahren

 

Mit Zahlen halten sich die Beteiligten zurück. Sowohl die Bahnen als auch das Psychiatriezentrum meiden das Thema nach Möglichkeit. Sie wollen verhindern, dass die Patienten durch eine öffentliche Debatte überhaupt auf die Idee kommen, auf diese Art den Ausweg aus ihren Problemen zu suchen (siehe Kasten).

 

Geredet wird trotzdem. Immerhin sind von der Langsamfahrstelle stets mehrere Kompositionen mit Hunderten von Passagieren in beiden Richtungen betroffen. Mit 280 Zügen pro Tag, S-Bahnen genauso wie Inter- und Eurocitys, gehört die Linie durch das Aaretal zu den dicht befahrenen Strecken im Schweizer Bahnnetz. Wer hier regelmässig unterwegs ist und die Umgebung näher kennt, macht sich, wenn die Bahn wieder einmal kaum vom Fleck kommt, schnell einen Reim auf die mögliche Ursache.

 

Vielleicht liegt es genau daran, dass das Verständnis und die Gelassenheit unter den betroffenen Pendlern gross sind. Auch wenn, wie unlängst am Abend geschehen, in Münsingen der letzte Bus nach Konolfingen gerade abgefahren ist und man die Heimreise anderweitig organisieren muss. Weil die Verspätung so gross geworden ist, dass die Anschlüsse nicht mehr gewährleistet sind.

 

Ein Hotspot

 

Durchschnittlich einmal pro Woche müssen die Züge zwischen Rubigen und Münsingen vorsichtshalber langsam fahren. Unter Fachleuten gilt der drei Kilometer lange Abschnitt in dieser Hinsicht als eigentlicher Hotspot. Aus der Bahn heraus sind dann nicht selten Polizei, Rettungskräfte sowie andere Helfer zu sehen, die nach der vermissten Person Ausschau halten. Und sie hoffentlich wohlbehalten irgendwo finden.

 

Weitere Zahlen sind zurzeit nicht erhältlich, auch nicht zu den Fällen, in denen alle Vorsichtsmassnahmen nichts nützen. Allerdings ist die Bahnlinie genau in diesem kritischen Abschnitt regelrecht eingepackt worden: Seit dem Sommer 2013 schirmen überlange Lärmschutzwände das Trassee gegen die Tägermatt und das dahinter liegende Psychiatriezentrum hin ab. Das führte bereits zwei Jahre später zu einem ersten positiven Fazit: Seit sie stünden, komme es auf dem Gleis zu «viel weniger Suiziden», gab die Klinikführung im Sommer 2015 gegenüber dieser Zeitung zu Protokoll.

 

Offenes Haus

 

In der Tat dämpfen die Wände nicht nur den Lärm, sie stellen auch eine Hürde dar, die nur mehr schwer zu überwinden ist. Vor diesem Hintergrund war das Psychiatriezentrum auch froh, dass es als besonders lärmempfindlicher Spitalbetrieb gilt und deshalb auf eine lange Abschirmung drängen konnte.

 

Als weiterer willkommener Nebeneffekt verdecken die Wände zumindest teilweise die Sicht auf die vorbeifahrenden Züge, was die Bahn im Alltag nicht mehr derart präsent sein lässt. Genauso beruhigend auf den Betrieb im Zentrum scheint sich übrigens die Philosophie auszuwirken, ein möglichst offenes Haus zu sein.

 

Die Hürde zum Gleis ist inzwischen noch ein Stück höher geworden. Im Herbst 2016 ist die Lücke zwischen Lärmschutzwänden im Gebiet Tägermatt und dem Bahnhofgelände geschlossen worden. Ein hoher Maschendrahtzaun versperrt nun den Zugang zum Gleis. Sein oberes Ende ist gegen die Strasse hin abgebogen, was ein Erklettern verunmöglicht.

 

STADT BERN

 

Bei den Hochbrücken helfen Netze

 

Mit den beiden alten Hochbrücken macht die Stadt Bern ähnliche Erfahrungen wie Münsingen mit der Bahnlinie: Seit die Kirchenfeld- und die Kornhausbrücke mit Netzen gesichert sind, ist die Zahl der Suizide merklich zurückgegangen. Anders als zuerst befürchtet, stellen die Verantwortlichen auch keine Verlagerung an andere heikle Orte in der Stadt fest.

 

Die ersten Netze wurden Ende 2009 auf politischen Druck aus dem Stadtrat hin montiert. Sie wurden senkrecht über den Geländern aufgespannt und galten nur als Provisorium. Anfang 2015 wurden dann unterhalb der Fahrbahnplatten in waagrechter Lage neue, definitive Netze angebracht. Ähnlich wie seinerzeit bei der genauso exponierten Münsterplattform.

 

Detaillierte Zahlen sind auch für die Stadt Bern nicht erhältlich. Die Gründe sind die gleichen wie im Fall von Münsingen: Experten warnen vor dem Nachahmereffekt. Suizidgefährdete Menschen würden durch eine allzu detaillierte Berichterstattung und eine allzu intensive öffentliche Diskussion nur dazu animiert, ihrem Leben ein Ende zu setzen. skk


Autor
Stephan Künzi, "Berner Oberländer"
Nachricht an die Redaktion
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Erstellt: 12.06.2018
Geändert: 12.06.2018
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