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Oberdiessbach - Die ehemalige Bäckerei Vogel wird zum Kunst-Experiment (mit Video!)

Die ehemalige Bäckerei Vogel in Oberdiessbach ist derzeit der Schauplatz eines einzigartigen Experiments: Die Künstlerinnen Andrea Vogel (44) und Olivia Notaro (43) machen seit einigen Wochen in der Backstube mit allem, was sie dort vorfinden Kunst. Am Wochenende präsentieren sie ihre Arbeiten der Öffentlichkeit.

"Der Raum macht mit": Andrea Vogel (links) und Olivia Notaro machen Kunst in der ehemaligen Bäckerei Vogel in Oberdiessbach. (Bilder: Isabelle Berger)
Klangexperiment mit Teigschüsseln: Olivia Notaro (rechts) und Andrea Vogel machen Kunst in der Backstube mit vorgefundenem Material. (Video: Isabelle Berger)
Kunst mit Vorgefundenem: Notaro und Vogel experimentieren mit den Utensilien der Backstube. Im Hintergrund rechts die Gipfelimaschine.
Kunst an einem Ort serieller Produktion: Türme aus lauter Backförmchen.
Die ehemalige Bäckerei Vogel in Oberdiessbach: Im Ladenlokal öffnet am Freitagabend die Universum-Bar.

Es ist still in der Backstube, es riecht nicht nach Frischgebackenem, es ist auch nicht auffallend warm. Trotzdem geht hier etwas vor sich. In einer Schüssel ruht ein Teig, am Boden liegen zwei Schürzen, an der unteren Kante mit Klammern zusammengesteckt. Daneben absichtlich wirkende Mehlspuren, die kreisrund ausgesparte Formen aneinander reihen.

 

Die Backstube wieder aufheizen

 

Die Bäckerei gehört Andrea Vogels Familie. Nach der vierten Generation und einem Pächter ging die Backstube vor zwei Jahren zu. „Es war klar, dass man diesen Raum wieder aufheizen muss“, sagt Vogel. „Der Raum ist ein Universum, es ist alles noch da“, sagt sie.

 

Mit dieser Idee ging sie auf Olivia Notaro zu, welche sofort ja sagte. „Universum Kunstversuchsanstalt #4“ heisst nun das Projekt, benannt nach der Gipfelimaschine der Marke Universum.

 

Kunst in kunstfremden Räumen

 

Die Kunstversuchsanstalt ist eine Projektreihe von Notaro, welche bereits im Liebefeld, in London, Bern und Newcastle (AUS) in unterschiedlichsten kunstfremden Räumen stationiert war. „Die Räume geben den Künstlern die Möglichkeit, aus dem üblichen Kunstmachen auszubrechen, Neues auszuprobieren und zu zeigen“, sagt Notaro. Den Rahmen des Experiments bilden jeweils die Räume mit ihrem Inventar.

 

„Wir arbeiten mit dem Raum“, sagt Vogel. Die Werke entstehen vor Ort. Aus Backförmchen wird eine skulpturale Turmlandschaft, Metallschüsseln, auf dem Boden in Schwingung versetzt, bilden einen Klangteppich mit Herzschlag (siehe Video), und dann sind da noch die Maschinen mit ihren eigenen Geräuschen und Bewegungen.

 

Leinöl verbindet

 

„Alle Maschinen haben Charaktere“, sagt Vogel, die mit den Geräuschen Erinnerungen an früher verbindet, als die Backstube noch von ihrer Familie betrieben wurde. „Einige der Maschinen mussten wir wieder in Gang bringen“, sagt sie.

 

Mit Leinöl rückten sie zu Werke und brachten so zum Beispiel die Mütschlimaschine wieder in Gang. „Leinöl spielt als Zutat für Ölfarben auch eine wichtige Rolle in der Kunst“, merkt Notaro an.

 

Backen ohne Ofen

 

Die Gipfelimaschine war eine der ersten, die sie wieder in Betrieb nahmen. Das Resultat des ersten Versuchs liegt auf einem Blech. Man erkennt immerhin den Willen. „Da die Backöfen nicht mehr angeschlossen sind, können wir nichts backen. Unsere Gipfeli haben wir deshalb trocknen lassen“, erklärt Vogel. Ein gutes Beispiel dafür, wie die Künstlerinnen mit dem Raum arbeiten und mit dem darin Vorgefundenen umgehen.

 

Die Zutaten für die „Gebäcke“ sind eine der wenigen Ausnahmen, wo die Künstlerinnen über das Vorgefundene hinausgehen. „Wir nehmen lebendige Materialien wie Mehl, Wasser, Salz und Schoggi-Couvertüre dazu“, erklärt Vogel. Und Notaro ergänzt: „Künstlerische Werkzeuge wie Fotografie, Computer und Video sind auch erlaubt.“

 

„Soundgebäck“ mit Simon Ho und Andi Hug

 

Unterstützt werden Notaro und Vogel zu einem späteren Zeitpunkt auch noch durch zwei bekannte Berner Musiker: Der Komponist und Pianist Simon Ho und der Schlagzeuger Andi Hug werden die Kunstversuchsanstalt ebenfalls mit ihren Mitteln ausloten. „Ich stelle mir ein Soundgebäck vor“, sagt Vogel. Dabei denkt sie wieder an die Geräusche der Maschinen und Schüsseln.

 

Sündigen für die Kunst

 

Bei der Arbeit in der Backstube überschreiten die Künstlerinnen ständig Grenzen. „In einem Lebensmittelbetrieb gibt es strenge hygienische und auch moralische Regeln“, sagt Vogel. Zum Beispiel so mit Lebensmitteln umzugehen, wie sie es jetzt für die Kunst täten, gelte eigentlich als Verschwendung und Sünde.

 

„Eine Todsünde in der Backstube war es auch mit dem Eigelb zu tropfen, da dies beim Backen einbrennt“, erinnert sich Vogel. Jetzt spielt sie mit dem Gedanken, mit Eigelb zum Beispiel die Stoffbahn des Förderbandes in einer endlosen Malerei zu bemalen.

 

Blick in den „'Back'-ground“ der Bäckerei

 

Vom 8. bis 10. Juni öffnen die Künstlerinnen die Backstube für das Publikum – auch dies eine Grenzüberschreitung. „Die Leute können so einmal in den 'Back'-ground gehen“, witzelt Vogel. Normalerweise dürfe man ja nicht hinter die Kulissen schauen.

 

Was danach mit der Backstube geschieht ist noch offen. Von den künstlerischen Arbeiten bleibt nur eine. „Ich werde eine Déja-vu-Malerei machen“, sagt Notaro. Dabei werde sie vorgefundene Flecken malerisch kopieren. „Als ortsspezifische Malerei bleibt sie im Raum“, erklärt sie.

[i] Zum Veranstaltungsbeitrag auf BERN-OST

[
i] Zur Webseite von Andrea Vogel


[i] Zur Webseite von Olivia Notaro


Autor
Isabelle Berger, isabelle.berger@bern-ost.ch
Nachricht an die Redaktion
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Erstellt: 25.05.2018
Geändert: 04.06.2018
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