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Oberdiessbach - Rodolfo von Wattenwyl: Ein Auswanderer, der zurückkehrte

Quelle
Wochen-Zeitung

Im «BuumeHus» Oberdiessbach las Franziska Streun aus ihrem geschichtlichen Roman über Rodolfo von Wattenwyl vor.

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Die Urenkel Rodolfo von Wattenwyls: Sigmund (links) und Bernhard von Wattenwyl. Dazwischen Buchautorin Franziska Streun. (Bild: Andreas Anderegg)
Die Doppelveranstaltung zur Geschichte der Auswanderung vor 150 Jahren passe gut ins «BuumeHus», sagte Karl Rechsteiner vom Kulturverein an der Lesung. Vieles sei in diesem Museum noch so, wie es vor über 100 Jahren war. Die einstige Kolonialwarenhandlung illustriert, wie sich die Globalisierung vor vier Generationen auswirkte.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten viele junge Leute und auch ganze Familien aus und suchten eine bessere Zukunft in Amerika, in Osteuropa, in Asien. Rodolfo von Wattenwyl (1845 bis 1914) reiste nach Südamerika. Nach zehn Jahren Abenteuer in der Pampa Argentiniens kehrte er auf das Landgut in Gurzelen zurück. Er heiratete eine entfernte Kusine, bewirtschaftete das Gut, zog mit seiner Frau Kinder gross, wirkte als Gemeindepräsident und als Grossrat. Warum war er 1866, als 21-Jähriger, gegangen? Warum kehrte er 1876 von seiner Estancia Los Alfonsitos ins Schlingmoos zurück? Wir wissen es nicht.

Geschichte und Geschichten


Zwar hatte Rodolfo seiner Mutter und seiner Schwester fleissig von seinen Abenteuern geschrieben. 50 Briefe sind erhalten, Karl Peternell hat sie aus dem Französischen und Englischen ins Deutsche übersetzt. Briefe über das harte Leben in der Pampa, über die Armut der Indianer, über einen Arbeitsunfall. «Aber über Gefühle, über Beweggründe, gar über Heimweh oder Romanzen vernehmen wir nichts», sagte die Autorin Franziska Streun. Ihr Grossvater hatte ihr von seinem Grossvater erzählt. Dieser sei in Argentinien gewesen und habe dort dem späteren Gürbetaler Grossrat Rodolfo von Wattenwyl Unterkunft und Zusammenarbeit geboten. Er habe ihn gut gekannt und viel mit ihm erlebt. Zusammen mit Franziska Streun arbeiteten Rodolfos Urenkel, Sigmund von Wattenwyl, Oberdiessbach, und sein Bruder Bernhard von Wattenwyl, Uttigen, anhand der Briefe die Geschichte auf.

Dichtung nah an den Fakten


Die Briefe, die Erzählungen der Voreltern, Kenntnisse aus der Geschichte der Auswanderung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, all dies hat Franziska Streun in einem geschichtlichen Roman gestaltet. Die alte Frau Hannah erhält 1914 die Nachricht vom Sterben ihres Jugendfreundes Rodolfo. Sie denkt über die Vergangenheit und über das Vergehen nach. Fiktive Tagebucheinträge geben Hintergrund und verbinden die in den Briefen beschriebenen Erlebnisse des Auswanderers, Redlich wird zwischen Briefen und Fiktionen unterschieden. Entstanden ist daraus nicht nur eine romantische Geschichte, sondern ein geschichtlicher Roman.

[i] Franziska Streun, «Rückkehr ohne Wiederkehr», 2012, Zytglogge.

[i] Am 23. März gestalten Pedro Lenz und der Musiker Patrick Neuhaus einen Abend über den Emmentaler Peter Wingeier, der in Argentinien als Arzt praktizierte.

Autor*in
Andreas Anderegg / Wochen-Zeitung
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Erstellt: 14.03.2013
Geändert: 14.03.2013
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