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Oberdiessbacher Sozialdienstleiter Ueli Dällenbach: "Habe mich als soziales Gewissen verstanden"

31 Jahre lang hat Ueli Dällenbach die Sozialarbeit in der Gemeinde Oberdiessbach massgeblich geprägt. Nun tritt er in den Ruhestand. "Die Hilfesuchenden lagen mir immer am Herzen", so Dällenbach, der aber auch über sich sagt, dass er für die Politik nicht immer pflegeleicht gewesen sei.

Zuletzt noch ein vorübergehender Arbeitsplatz: 31 Jahre lang leitete Ueli Dällenbach den Oberdiessbacher Sozialdienst. (Bild: Isabelle Berger)

"Es ist surreal, aber es ist Zeit und gut", sagt Dällenbach auf die Frage, wie es sich anfühle, nach über 30 Jahren aufzuhören. Zeit sei es, wegen der psychischen und physischen Abnützung, die sich im Alter bemerkbar mache, gut für die Gemeinde, wenn etwas anders komme. "Ich habe auch das Gefühl, ich habs verdient zu gehen", sagt er, und seine Besonnenheit weicht augenblicklich seinem herzlichen, mitunter selbstironischen Lachen.

 

Gespräche empfängt er bis Ende September in seinem vorübergehenden Büro, einem Sitzungszimmer mit riesigem Tisch, auf dem am oberen Ende Dällenbachs Computer steht. Derzeit schliesse er noch einzelne Geschäfte ab und baue Überzeit ab. Seit dem 1. September hat Beat Gafner die Leitung des Sozialdienstes übernommen. Dällenbach arbeitet ihn noch ein.

 

Von 20 zu 620 Stellenprozenten

"Bis zum 1. September war ich der erste und einzige Stellenleiter", sagt er. Angefangen hat er 1989 als Asylkoordinator mit einem Pensum von 20 Prozent, ein Jahr darauf wurde er zu 75 Prozent als Sozialarbeiter für die damaligen Gemeinden Aeschlen, Bleiken, Brenzikofen, Herbligen, Oberdiessbach und später auch Linden angestellt. "Zuerst war ich etwa fünf Jahre alleine, dann kam eine zweite Person dazu uns so wuchs der Sozialdienst mit der Zeit", sagt Dällenbach. Heute teilen sich neun Mitarbeitende 620 Stellenprozent.

 

Von Hilfesuchenden gelernt

"Ich habe mich immer als soziales Gewissen der Region verstanden und versucht, soziale Brennpunkte wahrzunehmen", beschreibt Dällenbach sein Selbstverständnis als Leiter der Institution. Die Hilfesuchenden hätten ihm immer am Herzen gelegen. "Ich habe versucht, sie dort abzuholen, wo sie sind und sie nicht nach meiner Vorstellung zu behandeln", sagt er. Dabei habe er gerade von Menschen mit Einschränkungen viel gelernt. Wie sie mit ihren Ressourcen ein gutes Leben führen können und Dinge tun, die man ihnen nicht zutraut, hat ihn beeindruckt.

 

Die Gleichheit aller Menschen sei bei seiner Arbeit ein entscheidender Grundwert gewesen, den er stets vertreten habe. "Gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie habe ich mich immer gewehrt", sagt Dällenbach. Er habe sich auch immer "als Typ, als Mann" reflektiert mit dem Ziel, gleichgeschlechtlich zu agieren.

 

Immer ein offenes Ohr fürs Team

Dies meint er auch in Bezug auf sein Team, welches ihm neben den Hilfesuchenden ein grosses Anliegen war. Es war ihm wichtig, ein offenes Ohr zu haben für die Dossierarbeit seiner Mitarbeitenden wie auch für deren persönliche Befindlichkeit, gerade in Ausnahmesituationen. "Wir sind in der sozialen Arbeit nicht gefeit davor, über unsere Grenzen hinauszugehen", sagt er. Da sei es wichtig, dass man in der Situation nicht alleine sei.

 

Dazu passt auch, dass er sagt, er habe einen kooperativen Führungsstil gepflegt und sich als Teil von allen gesehen. Als Highlight nennt er denn auch, dass er und seine Mitarbeitenden es immer fertiggebracht hätten, als Gesamtteam zu arbeiten. "Es gab nie Probleme in der Zusammenarbeit von Administrativen und Sozialarbeitenden."

 

Ringen mit der Politik

Trotz allem habe er auch unpopuläre, einsame Entscheide treffen müssen. "Das waren Personalentschiede, wo es mir darum ging, die Linie zu behalten, die ich mir vorgegeben habe", sagt er und meint damit seine Vorstellung davon, wie er den Dienst entwickeln wollte. "Ich war für die Politik nicht immer pflegeleicht."

 

Mühe hatte er wiederum mit der Politik, wenn es auf das Leben seiner Ideale im Umgang mit armen Menschen ging. Bei der politischen Entwicklung der letzten Jahre sei dies sehr schwierig gewesen. "Der Sozialdienst ist nicht mehr ein Hilfsangebot, sondern ein Sanktions- und Repressionsinstrument. Das hat mir sehr ‘aaghängkt’", sagt er. Dies, und dass immer zuerst ans Geld und nachher erst an die Bedürfnisse der Betroffenen gedacht wurde. "Ich habe versucht, das umzukehren", sagt er. Rückblickend habe sich gezeigt: "Wenn wir so dran gehen, geben wir mittelfristig nicht mehr Geld aus."

 

Dällenbach: "Bin mit Menschen auch gerne Irrwege gegangen"

Dällenbachs Lieblingsaufgabe war das Begleiten von Menschen. "Und zwar nicht immer auf geraden Wegen. Ich bin auch Irrwege gerne mit ihnen gegangen", so Dällenbach. Mit Vorliebe habe er auch junge Sozialarbeitende in ihren Beruf gebracht und aus seiner Sicht zu sehr guten Berufsleuten gemacht. Damit meint er Mitarbeitende, die in Oberdiessbach ihre erste Stelle nach dem Studium antraten. Sechs Personen konnte er so begleiten.

 

Am 30. September hatte Ueli Dällenbach seinen letzten Arbeitstag, auf Ende Oktober wird er pensioniert. Damit fängt mit dem Ruhestand eine "spezielle Situation" an, wie er sagt. "Ich möchte meiner Partnerin nicht auf den Sack gehen", nennt er sein Ziel für diesen Zustand und lacht.

 

Mehr Zeit für Enkelkinder, Haustiere und die WOZ

Mit ihr lebt Dällenbach auf einem kleinen Bauernhof mit Tieraltersheim. Zu den fünf Ziegen, drei Ponys, zwei Hunden, einer Katze und der Hühnerschar werde nun auch er mehr schauen. Bisher war es vor allem die Aufgabe seiner Partnerin. Mehr Zeit wird er auch für die drei Enkelkinder haben und dafür, physische Zeitungen zu lesen. "Ich freue mich darauf, am Donnerstag zuhause die WOZ richtig zu lesen", sagt er. Vielleicht engagiere er sich auch in sozialen Projekten.

 

Was die Pensionierung auch mit sich bringt, ist, dass er in seinem Denken keine Kompromisse mehr machen müsse, wie sie sein Job erfordert habe, sagt Dällenbach. "Ich habe mich aus ganz vielem zurückgehalten. Das möchte ich nicht mehr tun."

 

Seinen 65. Geburtstag feiert Dällenbach am 22. Oktober, aber nicht alleine. "Wir feiern alle Geburtstage der Kinder seit Februar gemeinsam nach", so der Ziehvater der drei Kinder seiner Partnerin und Vater einer gemeinsamen Tochter. Wegen dem Coronavirus sei das Feiern bisher nicht möglich gewesen.


Autor*in
Isabelle Berger, info@bern-ost.ch
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Erstellt: 16.10.2020
Geändert: 16.10.2020
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