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Spitex-Frau geht in Pension - "Früher waren die Leute dankbarer"

Als 22-Jährige hat Elisabeth Schüpbach bei der Spitex angefangen. Gestern hatte die 64-Jährige ihren letzten Arbeitstag. Sie hat viele Leute beim Sterben begleitet. Sie spricht über das Sterben und wann dieses besonders hart ist.

Freut sich nach 41 Jahren Spitex auf die Pension: Elisabeth Schüpbach aus Arni. (Bild: Rolf Blaser)

"Vieles ist heute besser als früher", sagt Elisabeth Schüpbach. Als sie 1979 angefangen hatte als Gemeindekrankenpflegerin zu arbeiten, habe sie manchmal zwei Wochen am Stück gearbeitet. Sie waren damals nur zu zweit in der Region tätig. Wenn die Kollegin in den Ferien war, so habe sie halt durchgearbeitet. Heute sei das nicht mehr so. Damals hiess es auch noch nicht Spitex, sondern Krankenpflegeverein.

 

Eine, die gerne hilft

Sie sei schon in der Schule immer diejenige gewesen, die anderen geholfen habe. Wenn jemand erbrochen habe, so habe sie sich um die Person gekümmert und auch geputzt. Nach der Schule war klar, dass sie eine Ausbildung zur praktischen Krankenpflegerin machen wird. Als in Arni eine Stelle in der Krankenpflege frei wurde, habe sie sich gemeldet. Bis heute hat Schüpbach ihren Berufsentscheid nicht bereut. "Mein Herz schlägt für die Spitex", sagt sie kurz vor ihrem letzten Arbeitstag. "Die Arbeit ist abwechslungsreich, ich bin bei jedem Wetter unterwegs und muss oft entscheiden. Das gefällt mir immer noch."

 

Früher waren die Leute dankbarer

Als sie mit der Pflege anfing, war die Welt noch eine andere. "Manchmal wurde ich mitten in der Nacht zu einem Einsatz gerufen. Damals gab es noch kein Navi und keine Handys", Schüpbach muss lachen. "Ich hab denen dann gesagt, machen sie einfach die Hausbeleuchtung an und aus. So sehe ich das Haus von Weitem."

 

Die Arbeiten damals seien einfacher gewesen. "Wir mussten Beine einbinden, Verbände wechseln, Spritzen setzen oder die Leute baden. Damals waren die Patient*innen oft sehr dankbar, wenn wir kamen und zu ihnen schauten. Heute bezahlen die Leute für die Spitex und erwarten einen Service." Bettlägerige Patienten seien manchmal mürrisch, dafür aber die pflegenden Ehefrauen umso dankbarer. Schwierig sei es auch, wenn sie Patient*innen baden müssten. Oft wollten sie sich nicht waschen lassen, das brauche dann schon viel Überzeugungsarbeit. Dafür sei der Dank von Angehörigen umso grösser. "Solche Arbeiten waren schon nahrhaft, dafür war dann der*die nächste Patient*in ganz nett. Und das Ganze schnell vergessen."

 

Sterben gehört zum Leben

Schüpbach hat in den 41 Jahren unzählige Menschen betreut. Sie habe viele interessante Begegnungen gehabt, viel gelernt, viel Zufriedenheit erlebt. Beim Sterben sei jede*r auf sich alleine gestellt. "Am schwierigsten ist es, wenn noch unausgesprochene Dinge in der Luft hängen. Wenn Streit war in einer Familie, zwischen Vater und Sohn oder wie auch immer. Wenn die das nie ausdiskutiert haben und dann ist der eine plötzlich tot. Das ist für viele schwierig." Dass Leute sterben, gehöre zu ihrer Arbeit. Schlimm sei es dann, wenn die Patient*innen leiden müssten.

 

Früher habe sie bei Todesfällen die Toten gewaschen und eingekleidet. "Heute passiert es oft, dass kaum, dass jemand gestorben ist, schon ein Bestatter in der Wohnung steht." Sie hat keine Mühe übers Sterben und die Folgen zu reden. Sie sage das den Angehörigen oft, dass sie sich damit auseinandersetzen müssten. Besser heute als morgen, sonst sei es dann zu spät.

 

Kein totaler Ruhestand

Schüpbach freut sich auf die Pensionierung nach 42 Jahren bei der Spitex. Am Anfang werde es wohl sein wie Ferien. "Vielleicht fehlt mir mit der Zeit das Unterwegssein. Oder auch der Kontakt zu all den Leuten." Sie kann sich gut vorstellen, später beim Frauenverein auszuhelfen. Ihr werde schon nicht langweilig.

 

Was sie den Leuten, die mit der Spitex zu tun haben auf den Weg gebe? Elisabeth Schüpbach überlegt lange und sagt dann zögernd: "Die Leute sollten manchmal 'e chli' Verständnis haben, dass wir den Zeitplan nicht immer einhalten können. Oft passiert etwas nicht Planbares. Ein*e Patient*in liegt im Erbrochenen oder ist umgefallen oder gestorben. Da kann es vorkommen, dass sich ein nachfolgender Termin verspätet."

 

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Autor*in
Rolf Blaser, rolf.blaser@bern-ost.ch
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Erstellt: 25.02.2021
Geändert: 25.02.2021
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