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Von Frauenklöstern zum E-Voting: Bei Christian Folini verschmelzen Mittelalter und Zukunft

Dazu, dass die Stimmberechtigen dreier Kantone am letzten Wochenende per E-Voting abstimmen konnten, hat der Kiesener Christian Folini (49) einen wichtigen Beitrag geleistet. Der Cyber-Sicherheitsspezialist hat BERN-OST erzählt, was sein Job mit seiner Doktorarbeit über Frauenklöster zu tun hat, warum er es spannend findet, als Wahlhelfer in Kiesen Stimmzettel zu zählen und warum er seine Sommerferien als mittelalterlicher Bäcker verbringt.

Vom Mittelalterkostüm ans Laptop: Christian Folini begeistert sowohl die analoge wie auch die digitale Welt. (Bild: Isabelle Berger)

Das E-Voting-System der Post ist eines von Christian Folinis zahlreichen Projekten als Sicherheitsexperten bei der Berner IT-Firma Netnea. Schon lange befasst er sich mit elektronischen Abstimmungen und Wahlen, die jetzt nach mehreren Jahren Pause in St. Gallen, Thurgau und Basel Stadt wieder aufgenommen worden sind. «E-Voting ist technisch sehr heikel, da wir absolut verlässliche Resultate erhalten müssen, ohne dabei das Stimmgeheimnis zu riskieren", sagt Folini. Das sei auf den ersten Blick eine unlösbare Aufgabe, die höchste Vorsicht erfordere.

 

Freiwilliger Wahlhelfer

Wenn er erzählt, spürt man seine Begeisterung für diese Thematik deutlich. Auch in seiner Freizeit beschäftigt er sich damit. «Ich habe mich von mir aus als Wahlhelfer bei der Gemeinde gemeldet. Ich will wissen, wie das geht», sagt er. Um das Ämtli reissen sich die Leute normalerweise nicht. Der Gemeindeschreiber wollte ihm einen Doodle für die Planung der Einsätze schicken. Folini winkte ab. «Ich komme bei jedem», habe er ihm gesagt.

 

Wahlhelfer in der Gemeinde zu sein, sei «voll cool», findet er. «Ich finde es extrem interessant, wie der Ablauf ist», sagt er. Wer druckt die Stimmzettel? Wie werden sie verteilt? Wer öffnet die Briefe und wo werden sie aufbewahrt? Von seinem Job her interessiert ihn besonders auch das Computersystem, mit welchem die Wahlergebnisse ermittelt werden. «Wir trauen dieser Software. Doch wie transparent ist dieses System?» Alles in allem hätten die Leute ein einfaches Bild, wie Wahlen ausgezählt werden. «Doch das ist hochkomplex.» Seine Beobachtungen – teilweise mit Sekundenangaben für bestimmte Handlungen – hat er in einem Blogpost festgehalten. «Wie das alles im Detail funktioniert, hat noch nie jemand aufgeschrieben. Nur die Gemeindeschreiber wissen, wie es geht», sagt er.

 

Privat lieber analog

Sein Interessengebiet macht ihn auch in privaten Belangen kritisch. «Ich bin stark analog», sagt er. Weil er das Risiko abschätzen könne, bezahle er noch so gerne für einen Bankauszug auf Papier.

 

Ganz un-digital ist auch Folinis grosses Hobby, das er seit Studienzeiten betreibt. Er ist Mitglied in einem Verein, der das mittelalterliche Leben nachstellt. Die Company of St. George stellt eine burgundische Artillerie-Einheit des 15. Jahrhunderts dar. «Ich habe das Handwerk und das Organisatorische aber immer spannender gefunden als Hellebardenübungen», sagt er. So spielte er zwar hin und wieder eine militärische Figur, lange war er aber Lagerverwalter. «Ich habe das Zeltlager organisiert. Welches Zelt wird wo aufgestellt, wer liefert das Essen, wer schläft wo?», umschreibt er seine Aufgaben.

 

Bäcker im Mittelaltermuseum

Diesen Sommer probiert er etwas Neues aus. «Ich bin eine Woche lang Bäcker in einem Mittelaltermuseum in Dänemark», sagt er. Seine Truppe legt Wert darauf, die mittelalterlichen Verhältnisse möglichst nah an der historischen Wirklichkeit nachzustellen und war schon verschiedentlich bei Museen zu Gast. Für seinen kommenden Einsatz hat Folini ein mittelalterliches Rezept eines dänischen Brötchens gefunden. «Es ist eine Art nicht-gezöpfeltes Zöpfli, ein gebackenes Kreuz», sagt er. Solche Brötchen wird er vor den Augen der Museumsbesucher:innen backen.

 

Bis es soweit ist, züchtet er zuhause schon mal den dafür benötigten Roggensauerteig an. Und auch für die passende Verkleidung muss gesorgt sein. Für seine drei Kinder, die ihn zusammen mit seiner Frau nach Dänemark begleiten, muss er noch die Kleider fertignähen. «Die Kostüme habe ich immer selber gemacht. Das macht Spass.»

 

Von der Klostermauer zur Firewall

Sein Interesse für und sein Wissen ums Mittelalter kommen nicht von ungefähr. Ursprünglich hat Folini Geschichte studiert. Seine Doktorarbeit schrieb er über mittelalterliche Frauenklöster. Und hier schliesst sich der Kreis zu seiner heutigen beruflichen Tätigkeit. Denn bei den Klöstern sei die Sicherheit auch ein grosses Thema. «Der Kontakt des Frauenklosters mit seiner Umgebung war klar reguliert», sagt er. Die Klostermauer mit bewachtem Tor funktioniere gleich, wie die Firewall (was wörtlich übersetzt bezeichnenderweise «Feuermauer» heisst) beim Computer. Beide kontrollieren, was rein- und rausgeht. Wenn ich heute eine Bedrohungsanalyse mache, verwende ich immer am meisten Zeit für die Übergänge zwischen zwei Systemen.» Solche Schnittstellen seien anfällig für Fehler und stellten damit ein Sicherheitsrisiko dar.

 

Und von da ist es auch nicht mehr weit zur Tür der Kiesener Gemeindeverwaltung und dem Schrank mit den Stimmcouverts.

 

Christian Folinis Tipps gegen Hacker-Angriffe

In den letzten Jahren haben Meldungen von Hackerangriffen zugenommen. Erst kürzlich traf es eine Firma aus Münsingen. Während es bei Unternehmen schwierig sei, sich zu schützen, hat Christian Folini für Private zwei handfeste Tipps: Erstens empfiehlt der Experte, mehrere E-Mail-Konten anzulegen und diese jeweils für bestimmte Sachen wie das Ausfüllen der Steuererklärung oder Internet-Shopping zu verwenden. Denn: «Accounts und Passwörter wiederzuverwenden ist das Schlimmste.» Findet jemand die Zugangsdaten zu einem Account heraus, kommt er:sie auch bei allen anderen Konten rein. Zweitens soll man einen Passwortmanager (digitaler Schlüsselbund) verwenden, um die vielen Zugangsdaten im Griff behalten zu können.


Autor:in
Isabelle Berger, info@bern-ost.ch
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Erstellt: 22.06.2023
Geändert: 22.06.2023
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