Gemeindeversammlung Oberdiessbach

«Wer kommt in 20 Jahren überhaupt noch?»

An der letzten Gemeindeversammlung nahmen nur vier Prozent der Stimmberechtigten teil. Besonders Menschen unter 40 fehlen an Gemeindeversammlungen. Der Gemeinderat von Oberdiessbach will das ändern, konkrete Massnahmen hat er aber noch nicht definiert.

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Der Gemeinderat Pascal Reusser aus Oberdiessbach sucht ein Rezept gegen leere Reihen. (Foto: rb)

Die Beteiligung an Gemeindeversammlungen ist seit Jahren tief. Das soll sich ändern. Der Gemeinderat von Oberdiessbach will künftig mehr Menschen für die Gemeindeversammlung gewinnen. Im Fokus stehen Jugendliche, junge Erwachsene und Familien.

 

Den Puls der Bevölkerung spüren

«Klar, ist es schöner an der Aare, als an die Gemeindeversammlung zu kommen», sagt Gemeinderat Pascal Reusser (32). «Es geht uns darum, aufzuzeigen, dass über Ausgaben der Gemeinde diskutiert wird, die wichtig sind.» Ziel sei auch, Neuzuzüger einzubeziehen. «Als Sozialarbeiter versuche ich jeweils, dass Betroffene mitreden können. Wir wollen wissen, was die Bevölkerung denkt.»

Selbst der Kunstrasen zog kaum Junge an

Wie schwierig das wird, zeigte die letzte Gemeindeversammlung. Dort wurde unter anderem über die Sanierung des Kunstrasens abgestimmt. Der Gemeinderat rechnete deshalb mit vielen jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Doch die blieben aus. «Der aktuelle und ehemalige Präsident des Fussballclubs waren da. Sonst kamen praktisch keine Jungen», sagt Reusser.

 

Er kann das teilweise nachvollziehen. Einerseits würden die Jugendlichen auf vielen digitalen Kanälen stets beschallt. Bis vor kurzem habe er selbst kaum Gemeindeversammlungen besucht. «Als junger Erwachsener ist man in der Ausbildung, hat eine Freundin oder einen Freund, geht aus und hat viel um die Ohren. Da steht eine Gemeindeversammlung nicht zuoberst auf der Liste.»

Ideen sind vorhanden

Wie junge Menschen erreicht werden können, dafür gibt es kein Patentrezept. Der Gemeinderat überlegt sich eine Agentur zu beauftragen und diskutiert verschiedene Ansätze. Denkbar sei, über Instagram aktiv zu werden oder eine engere Zusammenarbeit mit der Schule, um dort die Jugendlichen direkt abzuholen. Auch die Gemeindewebsite könnte stärker genutzt werden.

 

Pascal Reusser verweist zudem auf ein Pilotprojekt im Kanton Zürich. Dort würden junge Stimmberechtigte vor der Gemeindeversammlung über die Geschäfte informiert. Ob ein solches Modell zu Oberdiessbach passt, sei aber noch offen.

 

Ein weiterer Punkt sei die Verständlichkeit. Politische Geschäfte müssten einfacher erklärt werden. Reusser habe an der letzten Gemeindeversammlung nach der Präsentation der Jahresrechnung mehrere positive Rückmeldungen erhalten. «Mir war wichtig, eine trockene Materie verständlich zu erklären.»

Hinter dem Rücken werde kritisiert

Dass wenige Menschen an die Gemeindeversammlung kommen, sei teilweise auch ein Zeichen dafür, dass vieles funktioniere. Bei kontroversen Themen sei das anders. Als über Tempo 30 diskutiert wurde, war die Turnhalle voll.

 

Dennoch wird an jeder Gemeindeversammlung über hohe Beträge abgestimmt. Im vergangenen Jahr investierte die Gemeinde rund zehn Millionen Franken. Dieses Jahr sind Investitionen von rund neun Millionen Franken geplant. «Das sind grosse Brocken! Uns geht es darum, ein Bewusstsein zu schaffen, wie das funktioniert», sagt Reusser. «Man hört hintenherum manchmal, jetzt geben sie schon wieder Geld aus. Aber selber an die Gemeindeversammlung kommen und mitbestimmen, wollen viele nicht.»

 

Oberdiessbach ist nicht Grosshöchstetten

Ob die Gemeindeversammlung überhaupt noch zeitgemäss ist, wird immer wieder diskutiert. Grosshöchstetten hat sie inzwischen abgeschafft. Für Oberdiessbach ist das zurzeit kein Thema. «Eine Gemeindeversammlung ist ein Privileg», sagt Reusser.

 

Gleichzeitig macht er sich Gedanken über die Zukunft. «Ich frage mich, wenn die ältere Generation irgendwann nicht mehr kommt, wer kommt dann überhaupt noch?»

 

Konkrete Zielwerte für eine höhere Beteiligung gibt es noch nicht. An der letzten Gemeindeversammlung wurden Tickets für die Castle Jazz- und Bluestage Oberdiessbach verlost. Dies hatte einen positiven Effekt: Es kamen mehr als doppelt so viele Leute wie sonst an die Gemeindeversammlung.  

 

Ob der neue Kunstrasen oder die Ticketverlosung der Grund für den Aufmarsch war, bleibt offen. Tatsache ist, dass die Stimmbeteiligung überdurchschnittlich war. Für Pascal Reusser ist klar: «Es braucht Ideen, um die Gemeindeversammlung attraktiver zu machen. Es ist uns aber bewusst, dass das eine Herkulesaufgabe ist.»

Pascal Reusser ist 32 Jahre alt und in Oberdiessbach aufgewachsen. Er hat einen Master in Sozialer Arbeit, arbeitet bei Projekt Alp und sitzt seit Anfang Jahr im Gemeinderat. Er wurde als Parteiloser auf der Liste der SP gewählt.

 

Im Gemeinderat leitet er das Ressort Finanzen, Kultur und Sport. Einer Partei beitreten möchte Reusser zurzeit nicht.

 

Die nächste Gemeindeversammlung findet am Montag, 7. Dezember 2026 statt.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Newsletter der Gemeinde Oberdiessbach. 


Autor:in
Rolf Blaser, info@bern-ost.ch
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Erstellt: 24.08.2026
Geändert: 24.08.2026
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