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Sterben zuhause im Emmental: Susanne Fiechter hilft Schmerzen lindern

Ab nächstem Jahr werden die öffentlichen Spitex Organisationen der Region Emmental bei der Pflege Schwerkranker und Sterbender von einem spezialisierten Team unterstützt. Susanne Fiechter, Fachbereichsleiterin Bedarfsabklärung und Palliative Care bei der Spitex Konolfingen, erklärt, warum das nötig ist und wie sie für das eigene Sterben vorgekehrt hat.

Susanne Fiechter ist trotz Leitungsfunktion immer noch oft in der Region unterwegs und pflegt Alte, Kranke und Sterbende. (Bild: Anina Bundi)

Irgendwann trifft der Tod alle. Und obwohl sich viele Menschen wünschen „einfach einzuschlafen“ oder aber „auf der Bühne zu sterben“, sprich: ohne Angst und Schmerzen schnell zu gehen, ist die Realität eine andere. Die allermeisten Menschen, zumindest in der reichen Schweiz, werden alt und dabei auch krank, brauchen Pflege, haben vielleicht Schmerzen. Wenn die Krankheit unheilbar ist und der Tod in spürbare Nähe rückt, kommt die Zeit für palliative Pflege, meist englisch Palliative Care genannt.

 

Würde und Autonomie auch in der letzten Phase

„Das Ziel von Palliative Care ist eine ganzheitliche und umfassende Pflege um die Lebensqualität von unheilbar oder tödlich kranken Menschen zu erhalten. Von zentraler Bedeutung sind Würde und Autonomie. Auch in der letzten Phase“, erklärt Susanne Fiechter von der Spitex Konolfingen und Umgebung. Dazu gehören die Behandlung von belastenden Symptomen wie Schmerzen oder Atemnot, aber auch Gespräche über den Tod. Bei der Pflege im eigenen Zuhause kommt der Aufbau eines tragfähigen Netzwerks aus Fachleuten, Familienangehörigen, Nachbarn oder freiwilligen Helfern dazu, die die kranke Person pflegen, betreuen und begleiten können. Im Unterschied zur kurativen Pflege wird nicht mehr versucht, die Krankheit zu heilen. Der Fokus liegt auf der Linderung von Symptomen. Oft geschieht dies im Pflegeheim oder im Spital, die meisten Menschen möchten aber am Liebsten zuhause gepflegt werden.

 

Susanne Fiechter ist seit 2013 bei der Spitex Region Konolfingen. Davor arbeitete sie in verschiedenen Spitälern. Vor drei Jahren absolvierte sie die Diplomweiterbildung in Palliative Care. Die Grundversorgung mit Palliative Care sei im Einzugsgebiet der Spitex Konolfingen jetzt schon gewährleistet, betonen Fiechter und Marius Muff, Geschäftsleiter der Spitex Konolfingen. Die von Fiechter geleitete Fachgruppe für Palliative Care arbeitet mit spezialisierten Teams in Bern und Thun zusammen. So könne die Spitex Region Konolfingen einfachere Fälle bereits jetzt gut handhaben. „Was bisher gefehlt hat, ist eine flächendeckende spezialisierte Versorgung bei komplexen und instabilen Situationen“. Auch sei die Grundversorgung wohl in der Region Bern und in Richtung Thun gewährleistet, Teile des Emmentals seien aber noch nicht abgedeckt.

 

Lücken schliessen im Emmental

Die ASPE (Ambulante spezialisierte Palliative Care) soll hier ab kommendem Januar eine Lücke schliessen. Getragen wird sie von den fünf öffentlichen Spitex Organisationen im Emmental AemmePlus, Burgdorf-Oberburg, Region Emmental, Region Konolfingen und Region Lueg. „Ganz fertig ist das Konzept noch nicht“, sagt Marius Muff. Klar sei aber, dass ein spezialisiertes Palliative-Care-Team auf die Beine gestellt und dass dazu eine Fachperson eingestellt werde, die allen fünf beteiligten Organisationen zur Verfügung stehen wird. Sie werde komplexe Fälle beurteilen und koordinieren, aber auch medizinisches Fachwissen weitergeben, zum Beispiel zur Handhabung von Schmerzmittelpumpen, die in der Palliative Care zum Einsatz kommen. Auch schon aufgegleist ist die Zusammenarbeit mit dem Spital Burgdorf. Ab Mitte 2019 soll das Team aufgestellt und das ganze Emmental abgedeckt sein. Noch nicht gänzlich geregelt ist die Finanzierung der ASPE. Der Kanton hat die Aufgabe ausgeschrieben und eine Kostenbeteiligung ist geplant, einen Teil der Kosten wird die Spitex aber wohl selber tragen müssen.

 

Ob ein Fall „einfach“ oder „komplex“ ist, misst sich laut Susanne Fiechter nicht nur an der Art der Krankheit oder der Symptome, sondern auch an der Lebenssituation der kranken Person. Auch gebe es einen Stadt-Land-Unterschied. “Auf dem Land funktionieren die Netzwerke gegenseitiger Hilfe noch besser.“ Es sei aber auch nicht so, dass der Verbleib zuhause für alle Sterbenden das Richtige sei. „Es gibt Leute, die entscheiden sich lieber für ein Pflegeheim oder allenfalls eine auf Palliative Care spezialisierte Institution, wo rund um die Uhr Fachpersonen zur Verfügung stehen. Manchen ist auch irgendwann nicht mehr wohl zuhause und sie brauchen den Schritt in eine Institution, um zu sterben. Manchmal sind es auch die Angehörigen, die an ihre Grenzen, so dass eine Verlegung unumgänglich macht.“

 

Manche sterben lieber alleine

Die Spitex Region Konolfingen bietet eine 24h-Erreichbarkeit an. Nicht möglich ist eine Betreuung rund um die Uhr, etwa Nachtwachen. Das heisst, wer zuhause gepflegt werden will, muss Verwandte haben, die mithelfen oder auf Freiwillige zurückgreifen (siehe unten).Gestorben werde allerdings oft allein. „Manchen Leuten fällt es leichter, wenn niemand dabei ist, auch keine Angehörigen.“ So war sie denn bisher auch nur selten Zeugin des letzten Atemzugs, auch wenn sie schon viele Menschen im Sterbeprozess begleitet hat.

 

An ihrem Job gefalle ihr das Vorausschauende, Ganzheitliche. „Die Möglichkeit, Leiden zu lindern und eine schwierige Situation bestmöglich zu kontrollieren“ Es gehe darum, als betroffene Person Situation und den Symptomen nicht total ausgeliefert zu sein. „Auch die Nähe und das Vertrauen, das sich oft einstellt, wenn ich einen Menschen und seine Angehörigen begleite, ist eine kostbare Erfahrung.“ Den Tod sehe sie inzwischen als Teil des Lebens und nicht mehr als Gegensatz. „So wie es Geburtsvorbereitungskurse gibt, sollte es auch Sterbekurse geben.“ Das Zitat stamme nicht von ihr, sondern vom leitenden Arzt des Palliativzentrums Inselspital, es sei aber ein guter Gedanke.

 

Freundschaften pflegen als Altersvorsorge

Selber hat sie sich noch erstaunlich wenig auf den Tod vorbereitet. Eine Patientenverfügung hat sie nicht verfasst. Darin kann zum Beispiel geregelt werden, ab welchem Punkt von der kurativen auf die palliative Pflege umgestellt wird. Oder unter welchen Bedingungen nach einem Unfall auf Behandlungen verzichtet wird, etwa wenn mit schweren Hirnschädigungen oder dauerhaftem Koma gerechnet werden muss.

 

„Eine Patientenverfügung steht auf meiner To-Do-Liste, ich habe es bis jetzt aber vor mich hergeschoben, da es schwierige Fragen sind, die ich für mich noch nicht abschliessend geklärt habe“, sagt die 48-Jährige. Heute, wo sie gesund sei, hänge sie noch sehr am Leben und möchte, dass noch vieles gemacht würde. Das könne sich aber auch noch ändern. „Mein Partner kennt meine Wünsche und Wertehaltung.“ Eine Vorsorgemassnahme, wie sie aus dem Beruf weiss, eine der wichtigsten, hat sie aber getroffen und trifft sie täglich wieder: „Ich pflege mein persönliches Netzwerk.“

 

[i] Die Spitex Konolfingen und Region versorgt von Grosshöchstetten aus die Gemeinden Arni, Biglen, Bowil, Brenzikofen, Freimettigen, Grosshöchstetten, Häutligen, Herbligen, Konolfingen, Landiswil, Linden, Mirchel, Niederhünigen, Oberdiessbach, Oberhünigen, Oberthal, Walkringen, Zäziwil

 

[i] Öffentliche Veranstaltungen zum Thema Sterben im Februar 2019, jeweils ab 19.30 Uhr im Kirchgemeindehaus Konolfingen, freier Eintritt:

Di. 12. Februar: „Wie geht sterben?“, Dr. Andy Hugi, Arzt mit Schwerpunkt Palliative Care

Di. 19. Februar: „Was macht sterben mit mir?“, Regula Gasser, Psychologin, Theologin und Beauftragte Palliative Care Reformierte Kirche Kanton Zürich

Mo. 25. Februar: „Und wer bestimmt am Schluss?“ Marc Gardi, Notar und Chantal Galliker, Koordinatorin Gesundheitsförderung, Pro Senectute Emmental Oberaargau


Autor
Anina Bundi, anina.bundi@bern-ost.ch
Nachricht an die Redaktion
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Erstellt: 05.11.2018
Geändert: 05.11.2018
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