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Utziger an der Catrophy 2017: Eindrücke aus Tschernobyl

Am Sonntag erreichten Martin Gerber und Urs Bärtschi Tschernobyl. Gemeinsam mit 55 weiteren Rally-Fahrzeugen besuchte das Team "Nuclear Patrol" die verlassene Stadt Prypjat. Zuvor führte sie die Catrophy 2017 in acht Etappen nach Deutschland, Skandinavien und ins Baltikum. Ein Reisebericht.

Urs Bärtschi und Martin Gerber in Prypjat, der verlassenen Stadt bei Tschernobyl. (Fotos zvg)
Der Funpark mit Riesenrad und Putschauto hätte ein Tag nach der Katastrophe eröffnet werden sollen.
Die Gebäude in Prypjat stehen seit 31 Jahren leer.
Der neue Sarkophag um den am 26. April 1986 havarierten Reaktor vier in Tschernobyl.
Das Team "Nuclear Patrol" während des Besuchs der Gesisterstadt Prypjat. (Video: zvg)
Die Catrophy bei einer Pause im Wald.
Insgesamt 56 Fahrzeuge nehmen an der Rally teil.
4450 Kilometer über Autobahnen, Schotterstrassen, Sanddünen und Waldwege, diese Distanz hat der Nissan Patrol seit dem Start des Abenteuers am Samstag, 13. Mai zurückgelegt. Das Abenteuer, welches wir erzählen, ist die Catrophy 2017. Bei der grössten Low-Budget Rally der Schweiz soll ein Fahrzeug, das 25-jährig ist und nur 2017 Franken kosten darf, die Teilnehmer heil über 7000 Kilometer und durch 13 Länder begleiten.

Pünktlich um 09.30 trafen wir am Samstag, 13. Mai in Willisau zum Start ein. Bereits bei der Einfahrt ins Startgelände erhielten wir einen ersten Eindruck von den kunterbunten Fahrzeugen mit ihren Lichter und Hörner. Wir hatten Gleichgesinnte gefunden, die wie wir auch die letzten Abende, Wochenende und Feiertage damit verbrachten, ein normales Strassenfahrzeug in einen Rallyewagen auszubauen, welcher für die nächsten 15 Tage ein Zuhause bieten würde.

Start mit Hindernissen

Nicht ganz pünktlich aber voller Vorfreude konnten wir um 14.20 mit der Startnummer 26 das Rally-Buch am Start entgegennehmen. Unter dem Jubel der Zuschauer fuhren wir durch den Startbogen. Dann musste es schnell gehen: Rally-Buch öffnen, erste Rätsel mit den Standorten der Challenges herausfinden und losdüsen. Das Tagesziel war Kassel, welches rund sieben Stunden Fahrzeit in Anspruch nehmen sollte.
 
Die Euphorie, welche der Start bei uns auslöste, wurde bereits nach kurzer Zeit durch einen schwer zu ignorierenden Klang aus dem Motorraum gedämmt. Nach kurzer Diagnose war klar: heute wird es spät! Etwa 4 Stunden nahmen Werkstattsuche und Reparatur des Kurbelwellenpullis unseres Patrols in Anspruch. Erschöpft aber stolz es doch geschafft zu haben, kamen wir nach Mitternacht in Kassel an.

Fahren, Schlafen, Essen, Fahren

Die Reise führte uns weiter durch Deutschland über Dänemark nach Schweden, wo am Montag die Fähre nach Finnland gebucht war. Ein straffer Zeitplan. Überall wo unsere Rallyefahrzeuge auftauchten sorgten sie für Aufmerksamkeit. So war es nicht verwunderlich, dass wir bereits am 4. Tag in einer dänischen Zeitung abgebildet wurden, sehr zu unserer Freude, denn dies erbrachte uns 150 Rally-Punkte!

In Schweden schlossen wir uns mit 3 anderen Rally-Fahrzeugen zu einem Konvoi zusammen, so konnten die Aufgaben von Navigieren (ohne GPS), Rätsellösen, Campingplatz suchen usw. besser verteilt werden.

Viele Challenges auf unserer Reise bestanden darin, Objekte zu besichtigen und zu fotografieren oder Sachen zu sammeln. Alle Ergebnisse werden mit dem mobilen Drucker meist während der Fahrt gedruckt und sogleich ins Rally-Buch eingeklebt.

Lagerfeuerstimmung in Polen

Nach den nördlichen Ländern Schweden und Finnland reisten wir durch das Baltikum mit Estland, Lettland, Litauen sehr rasch hindurch. Am siebten Tag hatten wir unser Nachtlager an der polnischen Grenze errichtet. An einem einsamen See umgeben von Wäldern entzündeten wir unser Lagerfeuer (welches ebenfalls Punkte gab) und genossen das Fondue, das wir aus der Schweiz mitgebracht hatten.

Durch Polen reisten wir rasch weiter, denn der berüchtigte Grenzübertritt in die Ukraine bereitete uns ein ungutes Gefühl. Nach einer wiederum kurzen Nacht erreichten wir am nächsten Tag die ukrainische Grenze. Unglaubliche 4 Stunden und 4 Minuten (auch eine Challenge) durften wir an diesem Grenzübertritt verweilen. Die Ungewissheit des nächsten Tages mit dem Besuch des Kernkraftwerks Tschernobyl und der Geisterstadt Prypjat lag uns im Magen, als wir gegen Mitternacht unser Nachtlager etwas oberhalb von Kiew suchten.

Spaziergang durch die Geisterstadt Prypjat

Das flaue Gefühl verflog als uns ein Mann in Militärjacke freundlich begrüsste und unsere Namen auf einer Liste einkreiste. "Das sieht organisiert aus", fanden wir. So startete der Konvoi der 56 Schweizer Fahrzeuge um 7.30 Uhr und wurde mit Polizeieskorte durch die 4 Sicherheitszonen geführt. Ohne Probleme oder Verzögerungen wurden wir in der verlassenen Stadt Prypjat von militärischen Tourguides in Empfang genommen. Eine kleine Unterschrift noch, welche wahrscheinlich einen Haftungsausschluss erklärte, danach konnte es losgehen.

Mit unserem Guide, der nun seit 17 Jahren im Sperrgebiet wohnt und  arbeitet, spazierten wir durch die verlassene Stadt wie bei einem Spaziergang im Wald. Die Natur hat Prypjat  wieder zu sich geholt. Überall Sträucher und Bäume, sogar der Fussballplatz ist als Wald getarnt. Die Gebäude, welche nicht allzu lange in Betrieb waren, aber nun seit 31 Jahren leer stehen, lassen nur erahnen, welcher Betrieb in der 50'000-Menschen-Metropole geherrscht haben muss.
 
Ein Funpark mit Riesenrad und Putschauto sollte ein Tag nach der Katastrophe eröffnet werden. In Gedanken an die Leute, die hier innert wenigen Stunden alles verloren und vor dem unsichtbaren Gift flohen, sahen wir uns die Bibliothek, das Schwimmbad, den Busbahnhof und etliche andere Gebäude an, welche zum Teil schon stark eingestürzt und verlebt zum Vorschein kamen.

Der neue Sarkophag um Reaktor 4

Nach der Besichtigung der Geisterstadt wurden wir weiter zum Reaktor 4 geführt. Erstaunlich nahe konnten wir den neuen Sarkophag besichtigen. Fertiggestellt wurde der Neubau erst im Februar 2017. Budgetiert war er mit rund 500 Millionen Euro, gekostet haben soll er rund 2.2 Milliarden. Diese Kosten wurden unter anderem auch durch Spenden aus der EU und den umliegenden Ländern übernommen.

Die Radioaktivität auf dem Gelände rund um Reaktor 4 hat sich seit Februar um ein vielfaches gesenkt, die Belastung im Reaktor wo die Arbeiten rund um den Abbau im Gange sind, sei aber gestiegen. Das Personal arbeitet hier in 3-Stunden-Schichten damit die Strahlung nicht gesundheitsschädlich ist.

Nach diesen eindrücklichen Führungen wurden wir wieder durch die Polizeipatrouille aus der Sperrzone geführt. Am letzten Checkpoint erreichten wir den  Body- und Fahrzeug-Strahlencheck, welcher bestätigte, dass wir keine Strahlungen an Kleider, Haut und Fahrzeugen hatten.

Die Rally geht weiter

Die Eindrücke von Tschernobyl noch am Verarbeiten, mussten wir uns schon wieder auf den Weg machen. Wir fuhren weiter Richtung Kiew und verbrachten dort die Nacht.

Unsere Reise führt uns nun durch die Slowakei, Rumänien, Slowenien und anschliessend via Italien Richtung Heimat. Auf dem Weg werden wir noch viele interessante Challenges lösen müssen, um Punkte zu sammeln, bis wir am 28. Mai nach Willisau zurückkehren.

[i] Mehr Infos und Bilder unter http://tracking.catrophy.com oder auf http://www.facebook.com/nuclearpatrol

[i] Siehe auch den News-Bericht "Catrophy 2017: Utziger Martin Gerber und Urs Bärtschi starten nach Tschernobyl" vom 12.05.2017

Autor
Martin Gerber / Urs Bärtschi
Nachricht an die Redaktion
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Erstellt: 24.05.2017
Geändert: 24.05.2017
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